v i m u . i n f o
Dansk version

Wirtschaft © izrg

Mit Formeln wie "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" steht die NSDAP für eine sehr einfache und populäre wirtschaftspolitische Alternative, die irgendwie sozialistisch scheint, dann aber doch und kompromisslos auf die Privatwirtschaft setzt. Ab 1933 investiert die nationalsozialistische Reichsregierung stark in die Infrastruktur; am symbolträchtigsten ist der Autobahnbau. Die Wirtschaft erlebt zunächst einen Aufschwung, der mit dramatischen Erfolgen bei der Beseitigung der Arbeitslosigkeit einhergeht. Die wirtschaftlichen Unternehmungen sind politischen Interessen untergeordnet und von Beginn an auf den Krieg ausgerichtet. Der im September 1936 verkündete "Vierjahresplan" mit massiven Investitionen in die Rüstung hat zum Ziel, Deutschland unabhängig von Rohstoffzufuhren aus dem Ausland und in vier Jahren "kriegsfähig" zu machen. Nach 1942 entfaltet sich unter Sonderminister Albert Speer die totale Kriegsökonomie. Die Staatsverschuldung steigt zwischen 1933 und 1938 von 12,9 Mrd. Mark auf 31,5 Mrd. Mark erheblich an. Damit ist die Lage klar: Die Alternative lautet "Bankrott oder Krieg" (W. Benz).

Seit dem Ausbau Kiels zum Kriegshafen und Werftstandort der kaiserlichen Marine ist die industrielle Entwicklung und die Schaffung von Arbeitsplätzen in den Städten im agrarisch geprägten Schleswig-Holstein stets eng mit Rüstungsinvestitionen verknüpft, und zwar auch für Zuliefererbetriebe. Entsprechend hart hat die Einschränkung der Marinerüstung nach dem Ersten Weltkrieg die industriellen Kerne der Provinz getroffen. Deshalb setzen viele Schleswig-Holsteiner auf eine Wiederbelebung der Marinerüstung; sie werden nicht enttäuscht. Von Beginn an forciert der NS-Staat die Flottenrüstung, die Arbeitslosenzahlen sinken. In Kiel, der wichtigsten Industriestadt, senkt schon in den ersten zwei Jahren der NS-Herrschaft die Welle von Neubauaufträgen der Reichsmarine für die Großwerften - die "Deutsche Werke Kiel AG", die Krupp’sche "Germania"-Werft sowie die "Howaldtswerke" - die registrierte Arbeitslosigkeit von fast 29.000 im Januar 1933 auf nur noch gut 7.000 im Februar 1935. Außer der Werftindustrie in Kiel, Lübeck und Flensburg profitieren auch die Produktion von leichten Waffen, Munition und Flugzeugteilen in Lübeck und im Hamburger Umland. Ein Trend, der sich verstärkt. Die Aufrüstungskonjunktur senkt die Arbeitslosigkeit in Schleswig-Holstein bis 1938 auf 1,3 %. Der Facharbeiterbedarf der Rüstungsindustrie macht seit 1935 die Anwerbung auswärtiger Kräfte notwendig. Die "Dienstpflicht-Verordnung" vom 22. Juni 1938 ermächtigt die Arbeitsämter schließlich, in anderen Branchen beschäftigte Facharbeiter zwangsweise der Rüstungsindustrie zuzuweisen. Trotz des Verstoßes gegen das NS-Frauenbild greift man noch in der Vorkriegszeit vermehrt auch auf Frauenarbeit zurück.

Auch die schleswig-holsteinische Landwirtschaft profitiert fraglos von der NS-Herrschaft durch die interventionistische NS-Agrarpolitik: Vor Importen schützende Außenzölle, massiv gesenkte Zinsbelastungen, "Erzeugungsschlachten", Marktregulierungen und Festpreiserlasse folgen aus dem kriegsvorbereitenden Streben nach Autarkie in der Lebensmittelversorgung. Diese Aspekte entlasten die Landwirte vom Preisdruck des Weltmarktes und suggerieren einen wirtschaftlichen Wiederaufstieg dank einer Stabilisierung der bäuerlichen Einkommenslage.

Die konkurrierenden Bauernvereine und die Landwirtschaftskammer werden im September 1933 im "Reichsnährstand" gleichgeschaltet, der alle Erzeuger, Veredler und Vermarkter landwirtschaftlicher Produkte erfasst. Die Bauern sind in der "Landesbauernschaft" organisiert, unter "Landesbauernführer" Wilhelm Struve sowie "Kreisbauernführer" und "Ortsbauernführern", die in der ländlichen Gesellschaft bedeutende Plätze einnehmen.

Der wichtigste Bestandteil der nationalsozialistischen Agrarpolitik ist das so genannte "Reichserbhofgesetz" vom 29. September 1933 als konkrete Umsetzung der "Blut und Boden"-Ideologie: Zur Sicherung hinreichender Betriebsgrößen untersagt das Gesetz das in einigen Gegenden überlieferte Anerbenrecht, anteilige Abfindungen von Geschwistern sowie Hypothekenbelastungen für jene landwirtschaftliche Betriebe, die in der "Höferolle" eingetragen sind. Es sollen unverkäufliche "Erbhöfe" unter "arischen" Besitzern schaffen, die als die "arische" Basis der "deutschen Volksernährung" gelten. Das in die ländliche Tradition und bäuerliche Selbstbestimmung eingreifende Gesetz stößt in der Bauernschaft auf ein geteiltes Echo. Es schafft eine Art bäuerliche Elite: Ab sofort darf sich nur "Bauer" nennen, wer deutscher Eigentümer eines "Erbhofs" ist und einen bis 1800 zurück reichenden arischen Stammbaum aufweist; Kleinstbetriebe und Großgrundbesitz sind von diesem privilegierten Status ausgeschlossen; ihre Betreiber gelten nur als "Landwirte". Bis 1939 werden in Schleswig-Holstein 30.321 "Erbhöfe" in die "Höferolle" eingetragen, fast die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe.

Für die agrar- und rüstungswirtschaftlich geprägte Provinz Schleswig-Holstein bedeutet der am 4. September1939 mit der "Kriegswirtschaftsverordnung" eingeleitete Übergang zur Kriegswirtschaft eine noch stärkere Konzentration auf diese beiden Wirtschaftszweige. Im Jahr 1944 sind allein in den fast vollständig auf die Produktion von Rüstungsgütern eingestellten metallverarbeitenden Industriebetrieben 22,6 % der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt. Die ebenfalls "kriegswichtige" Landwirtschaft beschäftigt 20,5 %. Weitere 7,7 % der arbeitsfähigen Bevölkerung stehen als Angehörige der "Wehrmacht" oder des "Reichsarbeitsdienstes" unmittelbar im Dienste des Krieges. Bald nach Kriegsausbruch beschließt die NS-Führung, zur Sicherung der Kriegswirtschaft auf den "Arbeitseinsatz" von Ausländern zu setzen. So erreicht der Ausländeranteil an der Belegschaft der Kieler Kriegsmarinewerft - trotz sicherheitspolitischer Bedenken gegen den Einsatz von Ausländern in rüstungsbetrieben - Anfang 1943 über 20 %.

Siehe auch:

Kriegsproduktion

Um diese Inhalte anzusehen, wird der Flashplayer 9 bentigt. Zum Download
audioDidaktische Bemerkungen
audioZusatzmaterial
case storyFallbeispiele
multimediaMultimedia
photosAbbildungen
videoVideo
quotesZitat
imageBiografien
metainfoKommentar der Autoren
bibliographyLiteratur