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Bredstedt 1935: Ein folgenschwerer Bruderzwist © izrg

Die Brüder Andreas und Johann C. drehen täglich gemeinsam mit zwei Dutzend weiteren Arbeitern im gleichen Raum bei Preislers Tabak- und Zigarrenfabrik in Bredtstedt Zigarren. Andreas ist ehemaliger Funktionär der örtlichen Sozialdemokratie, während sein Bruder sich schon früh zum Nationalsozialismus bekannt hat und mittlerweile "Betriebszellenobmann" der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF) ist. Politisch liegen die Brüder also nicht auf einer Linie, auch privat scheint es Differenzen zu geben. Im November 1935 kommt es zum Eklat: Andreas äußert sich - scheinbar zum wiederholten Male - beim Drehen kritisch über die herrschenden politischen Zustände. Johann trifft daraufhin eine folgenschwere Entscheidung: Er nimmt seine "Pflicht" als "DAF-Obmann" ernst, "staatsfeindliche Äußerungen" zu melden und zeigt seinen Bruder bei der örtlichen Polizei an. Wahrscheinlich spielen jedoch die persönlichen Streitigkeiten in der Familie die ausschlaggebende Rolle. Johann gibt am 26. November 1935 unter anderem zu Protokoll, der Bruder haben in einer Diskussion herüber gerufen: "Den Führer könnten wir in den Arsch stecken." Auch habe er ausgeführt: "Der deutsche Arbeiter ist noch nie so unterdrückt worden wie heute." Johann beklagt auch, der Bruder habe sich gegenüber der Mutter immer wieder schlecht benommen.

Eine familiäre Auseinandersetzung setzt eine einzigartige Maschinerie staatlicher Ermittlungen in Gang, in die auch der Husumer Landrat, Oberpräsident Hinrich Lohse in Kiel und der Oberstaatsanwalt in Schleswig jeweils höchst persönlich involviert sind: Gegen Andreas C. wird vor dem schleswig-holsteinischen "Sondergericht" Anklage erhoben wegen Verstoß gegen das "Heimtückegesetz". Zur eigentlichen Hauptverhandlung kommt es aber nicht mehr: Andreas C. wirft sich im Juni 1936 auf dem Weg zur Hauptverhandlung aus dem Zug. Der Denunziant Johann C. hat sich schon im Januar 1936 ebenfalls das Leben genommen; offenbar hat er den sozialen Druck der Arbeitskollegen nicht mehr ertragen. - Eine Familientragödie, die unter den besonderen Bedingungen des NS-Staats eskaliert.

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