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Am 1. November 1942 leben in Schleswig-Holstein, auf 18 Orte verteilt, nur noch 59 Juden - über 1.600 sind schon deportiert worden, die meisten von ihnen werden ermordet. Das NS-Regime hat sein Ziel erreicht, Schleswig-Holstein "judenrein" zu machen. Das jüdische Leben ist zerschlagen - keine jüdische Gemeinde existiert mehr, die Synagogen sind geschändet, jüdischer Besitz "arisiert", die jüdische Bevölkerung vertrieben oder deportiert.

Nach Ende der nationalsozialistischen Herrschaft kommen einige hundert Juden in die Region zurück; andere sind völlig erschöpft auf "Todesmärschen" oder als Flüchtlinge in Schleswig-Holstein gestrandet; die meisten wollen nicht in Deutschland bleiben, sondern suchen nach einer Möglichkeit, dieses Land zu verlassen. Nur wenige setzen sich für die Bildung neuer Gemeinden ein, wie in Lübeck, wo man Ende 1945 etwa 250 Juden zählt. Die Lübecker Juden feiern bereits am 1. Juni 1945 in der geschändeten Synagoge den ersten Gottesdienst, gründen noch im Jahr 1945 eine neue Kultusgemeinde; die Gemeindemitglieder eröffnen schon am 1. September 1945 die Synagoge neu. Auch in Neustadt entsteht eine religiöse Gemeinde; doch einen Rabbiner gibt es in Schleswig-Holstein nicht. Auch in Kiel Eckernförde, Wittdün auf Amrum, Eutin, Rendsburg, Flensburg, Friedrichstadt, Itzehoe und Neumünster treten kleine Gemeinschaften und - in den Lagern - Komitees in Erscheinung. Die britische Besatzungsmacht setzt sich für eine "Jüdische Wohlfahrtspflege Schleswig-Holstein" und für ein "Zentralkomitee der befreiten Juden in der britischen Zone" als Dachorganisation der Gemeinden und Komitees ein, um die jüdischen Interessen vertreten. Sie geben soziale Hilfe, besorgen Nahrung, Medikamente, Unterkunft, und neue Orientierung.

Die hier lebenden Juden leben inmitten der Gesellschaft, die sie ausgestoßen und grausam verfolgt hat. Ein tiefes Gefühl der Entfremdung von der nicht-jüdischen Umgebung ist für viele Juden kennzeichnend. 1948 leben in Schleswig-Holstein etwa 800 Juden, davon etwa 100 in Lübeck und mehr als 60 in Kiel. Doch fast alle, die nicht alt oder krank sind, suchen einen Neuanfang in Übersee oder Israel, reisen aus. Bereits 1955 leben nur noch 130 Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft im nördlichsten Bundesland, registrierte Gemeindemitglieder sind es noch weitaus weniger. Die Kieler und Lübecker Gemeinden schließen sich auf Grund dieser dramatisch schwindenden Mitgliederzahlen 1960 zur "Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein" zusammen. Die letzte jüdische Institution in Schleswig-Holstein löst sich jedoch 1968 auf, nachdem der geschäftsführenden Vorsitzende Heinz Salomon als tragendes Glied der Organisation aus gesundheitlichen Gründen sein Amt niederlegen muss. Die jüdischen Schleswig-Holsteiner werden ab dem 1. April 1968 von der "Jüdischen Gemeinde in Hamburg" betreut. Ihre Anzahl steigt von 262 im Jahre 1970 wieder auf 527 im Jahre 1987. Damit bekannten sich bei der Volkszählung 1987 0,2 Promille der Bevölkerung zum Judentum.

Mit der Öffnung des Ostblocks 1991 ziehen viele jüdische Emigranten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik, auch nach Schleswig-Holstein. 46 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft hoffen viele jüdische Emigranten hier ihr Glück zu finden. Nach einer Flucht vor politischen Chaos und wachsendem Antisemitismus in ihren Heimatländern kommt ihnen die Bundesrepublik seit Januar 1991 mit einer "expliziten Immigrationspolitik für Juden aus der ehemaligen Sowjetunion" entgegen. Allein nach Schleswig-Holstein kommen fast 3.000 jüdische Emigranten.

Auch wenn den meisten Zuwanderer das Judentum fremd ist, da sie ihren Glauben in ihrer ehemaligen Heimat nicht haben ausüben können, schließen sich viele einer jüdischen Gemeinde an. Der "Zentralrat der Juden" hofft auf die Stärkung des jüdischen Lebens in Deutschland - auf die Gründung von Schulen, Kindergärten und andere Einrichtungen. Doch die Integration dieser "Kontigentflüchtlinge", die über Jahrzehnte kaum etwas über ihre jüdische Identität erfahren konnten, und oft nur russisch sprechen, ist eine Herausforderung für die jüdische Gemeinde in Hamburg, die die schleswig-holsteinischen Juden betreut. Die Hamburger Gemeinde erhält ebenfalls einen enormen Zulauf. Während sie 1978 lediglich 1.369 Mitglieder hat, zählt man 1998 3.765 Mitglieder. Allein 1.324 Gläubige leben in Schleswig-Holstein; 90% von ihnen sind aus Osteuropa eingewandert. In Kiel zählt die jüdische Gemeinde 1998 etwa 200 Mitglieder, in Lübeck sind es etwa 500; weshalb der Kantor der Lübecker Synagoge Chaim Kornblum 1998 feststellt: "Es gibt 53 Jahre nach Ende der Schreckensherrschaft wieder Jüdisches Leben in Schleswig-Holstein."

Die Einwanderungszahlen können auch als Beleg dafür dienen, dass Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft vermehrt in die politische Stabilität der demokratischen Bundsrepublik vertrauen. Das Land Schleswig-Holstein unterstützt den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden finanziell und ideell. Der Hamburger Rabbiner Barsilay schaut deswegen einigermaßen optimistisch in die Zukunft: "Die Zeiten der gepackten Koffer sind vorbei. ... Aber es wird noch sehr lange dauern, bis hier normales jüdisches Leben gelebt wird."

Rechtsextremismus und Antisemitismus - in militanten und latenter Ausprägung - stellen weiterhin ein ernstzunehmendes Problem dar. Dafür sind auch immer wieder auftretende antisemitische Straftaten ein Beleg: Zwischen 1957 und 1996 sind allein 48 Schändungen jüdischer Friedhöfe in Schleswig-Holstein verzeichnet, wovon die meisten in Lübeck stattgefunden haben.

Bundesweites Aufsehen erregt am 25. März 1994 ein Verbrechen in Lübeck. Vier junge Männer verüben einen Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge; die im Obergeschoss des Hauses schlafenden Bewohner können sich glücklicherweise aus dem brennenden Haus retten. Ostern 1995 spricht das Oberlandesgericht Schleswig das Urteil wegen Brandstiftung und Beihilfe zur Brandstiftung. Dem Gericht scheint es nicht erwiesen, dass die Täter wussten, dass sich Menschen im Haus aufhielten, weshalb versuchter Mord als Anklage nicht haltbar ist. Die vier Täter werden zu Freiheitsstrafen zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren verurteilt. Im Urteil heißt es: Drei der Angeklagten mit schwierigen persönlichen Hintergründen und massiven Alkoholproblemen "handelten gemeinschaftlich aus dem gemeinsamen fremdenfeindlich-antisemitischen Motiv"; ihnen war zwar scheinbar nicht bekannt, dass es sich bei dem Gebäude um eine Synagoge handelte, aber das Haus "etwas mit Juden" zu tun habe, wussten sie. Wenige Wochen später, am 7. Mai 1995, ein erneuter Brandanschlag auf das Lübecker Gotteshaus: ein angrenzender Schuppen brennt aus, Menschen kommen nicht zu Schaden. Vier Monate später präsentiert die Staatsanwaltschaft einen 27-jährigen, geistig behinderten jungen Mann als Tatverdächtigen, der "zur sexuellen Erregung" bei der Synagoge gezündelt habe. Er scheint für zahlreiche weitere Brandstiftungen verantwortlich zu sein. Anfang 1997 hebt die Staatsanwaltschaft den Haftbefehl aus Mangel an Beweisen auf - obwohl sie weiter an die Schuld des Verdächtigen glaubt, im August 1997 stellt sie die Ermittlungen ein. Einer Tatsache scheint sich die Staatsanwaltschaft jedoch sicher zu sein: Der Brandanschlag vom 7. Mai 1995 sei nicht politisch oder antisemitisch motiviert gewesen.

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