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"Heimatfront" in Schleswig-Holstein 1939-1945 © izrg

Am 1. September 1939 haben Adolf Hitler und die NS-Spitzen durch den Überfall auf Polen den "Zweiten Weltkrieg" entfesselt, den sie als Kampf der "Arier" um Vorherrschaft und "Lebensraum" in Europa verstanden. Die deutschen Führungsschichten in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Militär sind willig gefolgt. Im Gegensatz zum Ausbruch des "Ersten Weltkrieges" äußert sich am 1. September 1939 kein "Hurra-Patriotismus": Zu gegenwärtig ist die Erinnerung an die Schattenseiten des Krieges. Schnelle Siege der Wehrmacht wie in Polen 1939 und Frankreich 1940 berauschen dennoch viele und verbinden sie noch einmal mit Hitler und der NS-Führung. Selbst der Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Sommer 1941 passt noch in das Schema. Monate später kommt die Front ins Stocken, spätestens mit der Niederlage von Stalingrad ist Anfang 1943 die militärische Wende unübersehbar. Der "totale Krieg" formiert die Kriegsgesellschaft und entfesselt die Gewalt noch weiter. An der "Heimatfront" wachsen bei allen Hoffnungen auf "Endsieg" und "Wunderwaffen" langsam Gefühle der Perspektivlosigkeit und die Ergebenheit in das unabänderlich scheinende Schicksal. Doch trotz der Stimmungsverschlechterung treten auch in den letzten Kriegsjahren kaum nennenswerte Widerstandsaktionen oder gegensätzliche Haltungen auf.

Noch im ersten Kriegsmonat hat die Rationierung des Grundbedarfs mit Lebensmittelkarten begonnen. Indes klappt die Zwangsversorgung tatsächlich besser als im Krieg zuvor; Hunger lernen die Deutschen diesmal erst nach Kriegsende kennen. Die Kriegswirtschaft bräche ohne die etwa 225.000 in der Provinz tätigen, meist zwangsweise verschleppten ausländischen Arbeitskräfte zusammen, auch sie prägen das Bild der "Heimatfront". Kieler Kinos und Theater bieten Ablenkung mit seichter Unterhaltung, während Wehrmachtsberichte Erfolge verkünden. Rundfunk und Zeitungen verbreiten die Nachrichten von einem deutschen "Behauptungskampf" gegen "unzivilisierte Barbaren" und das "Weltjudentum". Nicht zuletzt mit diesen Lügen gestaltet die NS-Führung den Rahmen für den rassistischen Vernichtungskampf im Osten und Durchhaltewillen an der "Heimatfront".

Krieg bedeutet an der "Heimatfront" neben dem familiären Leid über die an der Front Gefallenen vor allem eines: Bombenkrieg. Kiel, "Reichskriegshafen" und ein Zentrum der Rüstungsproduktion, wird bereits ab Juli 1940 Ziel britischer Bomber. Große Angriffe beginnen 1941, ab 1943 erfolgen flächendeckende Bombardements, geflogen von Briten und Amerikanern. Insgesamt sterben bis Kriegsende in Kiel 2.900 Menschen bei Bombenangriffen, in Lübeck im März 1942 über 300. In Hamburg sterben im Juli 1943 fast 50.000 Menschen innerhalb weniger Tage. Seltener, aber auch betroffen sind Mittel- und Kleinstädte: Flensburg erfährt am 19. Mai 1943 einen schweren Luftangriff, Elmshorn beklagt am 3. August 1943 61 und am 26. April 1945 92 Tote, in Oldesloe sterben am 24. April 1945 706 Menschen. Industrieorte wie Neumünster oder Geesthacht sind bedroht, manchmal fliegen Bomber auch an der Westküste Einsätze, vereinzelt erleben Dörfer wie Ulzburg oder Silberstedt einen Bombenangriff. Überall bestimmen Bunkerbau, Luftalarm, flächendeckende Luftabwehr und - eine mehr oder weniger solidarische - Aufnahme Evakuierter aus besonders gefährdeten Gebieten oder "Ausgebombter" den Kriegsalltag.

Deutsche "Volksgenossen" engagieren sich in Kriegshilfsdiensten, bei Sammelaktionen für die Frontsoldaten oder in der Betreuung Verwundeter, später im Luftschutz und als Helferinnen und Helfer in der Flugabwehr. Obwohl es dem propagierten NS-Frauenbild widerspricht, müssen Frauen kämpfende Männer ersetzen: in der Rüstungsindustrie, auch in der Landwirtschaft und im Handwerk. Vor allem Jugendliche erleben in neuen Rollen Aufwertungen, die ihnen in Friedenszeiten niemals gewährt worden sind: Sie sammeln Altstoffe, helfen im Sanitätsdienst, absolvieren Dienste im Kriegseinsatz, in Landwirtschaft oder Industrie. Schließlich dürfen die älteren, aber noch nicht wehrfähigen Jugendlichen im Rahmen der aufwändigen Flugabwehr als "Flakhelferinnen" und "-helfer" helfen - und schießen. Zuletzt wird der Jahrgang 1929 zum "Kriegshilfsdienst" eingezogen. Jüngere Schulkinder aus bombengefährdeten Regionen bringt man im Rahmen der "Kinderlandverschickung" in sichere Gebiete.

Siehe auch:

Markantes aus der Forschung
Luftaufnahme aus dem September 1944
"Ein Wille: Sieg"
Die Frage nach dem "Warum"
Mobilisierung der "Heimatfront"
Flaggenappell, Rechnen, Sport und gemeinschaftliche Freizeit
Den Flammen entkommen
Kinderlandverschickung
Gefallen für Großdeutschland ... An Absender zurück
In Reih und Glied

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