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Das "Reichskommissariat Ostland" © izrg

Als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 ohne Kriegserklärung die Sowjetunion überfällt, beginnt ein, wie Hitler es ausdrückt, "Vernichtungskrieg". Die deutsche Kriegsführung setzt auf einen kurzen Feldzug, dessen Endlinie 1.500 bis 2.000 km tief in der Sowjetunion verlaufen soll. Es geht der NS-Führung um ihre "Lebensraumpolitik"; die Besiegten erachtet sie als rassisch minderwertige "Untermenschen" und kalkuliert mit einer förmlichen "Hungerpolitik" ihren millionenfachen Tod ein. So gibt es auch keine hinreichenden Vorkehrungen für die Versorgung der schon 1941 circa drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, denen die Wehrmacht mit Verachtung und Geringschätzung begegnet. Bis zum Frühjahr 1942 fallen mehr als die Hälfte dem Massensterben in der Gefangenschaft zum Opfer: sie verhungern, sterben an Mangelkrankheiten oder werden ermordet.

Langfristig sieht der rassenideologisch motivierte "Lebensraumkrieg" deutsche Siedlungsmaßnahmen sowie Tötung oder Versklavung der einheimischen Bevölkerungen vor. Kurzfristig zielt der "Wirtschaftskrieg" auf die Ausbeutung der Menschen und Ressourcen, denn Krieg und das deutsche Drei-Millionen-Heer sollen allein aus dem besetzten Land selbst ernährt werden. Gigantische "Umvolkungs-" und Vernichtungsplanungen nach dem "Generalplan Ost" können nicht umgesetzt werden, weil die Front im Herbst 1941 vor Moskau stecken bleibt und sich die Kriegswende anbahnt. Aber zwei dem "Reichsminister für die besetzten Ostgebiete" Alfred Rosenberg unterstellte zivile Besatzungsregimes werden eingerichtet, das "Reichskommissariat Ukraine" unter "Reichskommissar" Erich Koch und das "Reichskommissariat Ostland" unter Schleswig-Holsteins "Gauleiter" Hinrich Lohse. Dieser rekrutiert für seine Besatzungsverwaltung derart viele Beamte und NSDAP-Funktionäre aus dem "Heimatgau", dass die dreijährige deutsche Herrschaftsphase auch als ein Aspekt der schleswig-holsteinischen NS-Geschichte begriffen werden kann.

Das Reichskommissariat Ostland umfasst Lettland, Litauen, Estland und - bis 1943 - erhebliche Teile Weißrusslands. In dieser Region, die etwa dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik entspricht, leben circa neun Millionen Einwohner. Nach der 1940 erfolgten sowjetischen Besetzung begrüßen viele Letten und Esten die deutschen Eroberer im Juli 1941 zunächst als Befreier. Manche kollaborieren mit den Deutschen bis hin zum Kriegsdienst in eigenen SS-Divisionen. Aber Hoffnungen auf Autonomie oder eigene Staaten begegnen die deutschen Besatzer mit Vertagung oder strikter Ablehnung.

Bis zu seiner Flucht im Sommer 1944 nimmt "Reichskommissar" Lohse seinen Sitz in Riga. Seine vier Hauptabteilungsleiter kommen aus Schleswig-Holstein, ungezählte weitere Mitarbeiter auch. Die deutsche Mittelinstanz bilden vier "Generalkommissare" für Estland, Litauen, Lettland und Weißrussland, darunter als "Generalkommissar für Lettland" Lübecks Bürgermeister Otto Heinrich Drechsler. Die untere Verwaltungsebene repräsentieren insgesamt 29 "Gebietskommissare", etwa deutschen Landräten vergleichbar; mindestens 13 von ihnen stammen aus Schleswig-Holstein.

Wie oft im NS-Staat existieren zusätzlich und parallel konkurrierende deutsche Institutionen mit unklar geregelten Abgrenzungen. Besondere Relevanz besitzen naturgemäß die Polizei- und Sicherheitsbehörden, die dem "Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei", Heinrich Himmler, unterstellt sind. Auch hier finden sich Schleswig-Holsteiner in Schlüsselpositionen: Als "SS- und Polizeiführer Lettland" amtiert Lübecks Polizeipräsident Walther Schröder, als "SS- und Polizeiführer Estland" Flensburgs Polizeidirektor Hinrich Schröder. Zwangsarbeit, "Partisanenbekämpfung" und Holocaust bilden drei besonders schwerwiegende Verbrechenskomplexe während der drei deutschen Besatzungsjahre.

Die etwa 5.000 deutsche Mitarbeiter umfassende Zivilverwaltung konzentriert sich in Kooperation und Konkurrenz mit anderen deutschen Dienststellen auf die optimierte Ausbeutung von Ressourcen und Menschen für die deutsche Kriegsmaschinerie. Der Aufgabenkanon umfasst die Ausrichtung von Wirtschaft und Landwirtschaft auf die Wehrmacht und deutsche Kriegswirtschaft, auf die Auflösung der politischen Organisationen, die Überwachung der Zivilbevölkerung, die Heranziehung von Bevölkerungsgruppen zur Zwangsarbeit vor Ort und im Reich, später zudem die teilweise zwangsweise Rekrutierung zum Kriegseinsatz, schließlich eingeschränkt polizeiliche Maßnahmen und - immer wieder diskutierte -Planungen für eine unterschiedlich angelegte Zukunft der baltischen "Vasallenvölker" unter "germanischer" Herrschaft.

Siehe auch:

Erinnerungbalten
Zivilverwalter des Reichskommissariats Ostland

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