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Leben im Flüchtlingslager - die Perspektive der deutschen Flüchtlinge © izrg

„Die Ankunft in Dänemark war wie eine Erlösung aus tiefster Dunkelheit“, so beschreibt Beate Fischer, die im Mai 1945 per Schiff von der Halbinsel Hela nach Dänemark evakuiert worden ist, im Rückblick ihre persönlichen Gefühle. Die Deutschen, die auf der Flucht vor der sowjetischen „Roten Armee“ in dänischen Häfen ankommen, sind in Sicherheit, doch wie geht es weiter?

Die deutschen Besatzungsbehörden bringen die Flüchtlinge in Wehrmachtslagern und Lazaretten unter, außerdem beschlagnahmen sie Schulen, Hotels, Sporthallen und Fabrikgebäude, um sie „über Nacht“ zu oft unzureichenden Flüchtlingsunterkünften umzufunktionieren. In Sønderjylland quartieren sie viele Flüchtlinge auch bei Angehörigen der deutschen Minderheit oder nationalsozialistisch eingestellten Dänen ein. Die konkreten Lebensverhältnisse unterscheiden sich, viele Flüchtlinge leben jedoch unter schwierigsten hygienischen Bedingungen zusammengepfercht in Massenlagern, teilweise ohne Matratzen, nur auf Stroh, notdürftig mit Lebensmitteln versorgt, ohne Hab und Gut; aber sie können sich frei bewegen.

Nach der deutschen Kapitulation ändert sich ihr Status: Sie leben nun als Flüchtlinge – nicht Kriegsgefangene – in einem fremden Land, das sie sich nicht selbst als Ziel ihrer Flucht ausgesucht haben; sie sind von ihrem nun besiegten Staat in ein damals noch besetztes Land evakuiert worden. Für die dänische Seite ist die Situation ebenso schwierig: Die hilfsbedürftigen Flüchtlinge haben dieselbe Nationalität wie die ehemaligen Besatzer, es könnten ihre Familien sein.

Die dänischen Behörden internieren die deutschen Flüchtlinge ohne Kontakt zur dänischen Bevölkerung in den schon existierenden Lagern und versorgen sie notdürftig. Alles ist auf Vorläufigkeit ausgerichtet, die deutschen Flüchtlinge sollen das Land bald wieder verlassen. Während aber die fast 200.000 Wehrmachtsangehörigen bis auf wenige Soldaten Dänemark innerhalb weniger Wochen räumen, erfüllt sich die Hoffnungen auf baldige Ausreise für die Flüchtlinge nicht: Mitte Juli erklärt das britische Hauptquartier der dänischen Regierung, dass die Flüchtlinge mindestens den Winter über in Dänemark bleiben sollten, die Versorgungslage im ehemaligen Deutschen Reich sei zu schlecht, um sie aufzunehmen.

Für viele Flüchtlinge verbessert sich die Versorgung in den nächsten Monaten. Die dänischen Behörden beschaffen zusätzliche Baracken und anderes Material aus Schweden, ersetzen Strohlager durch Betten und legen Flüchtlinge aus kleineren in größeren Lagern mit Steingebäuden oder zumindest Baracken zusammen. Inspektoren untersuchen die Situation in den Lagern, um die immer noch sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen wenigsten annähernd anzugleichen. Die Ernährung ist einfach und recht eintönig, aber grundsätzlich ausreichend, während in Deutschland viele hungern. Dänische Ärzte führen Pflichtschutzimpfungen durch, ansonsten leisten vor allem Flüchtlinge selbst als Pflegepersonal oder Ärzte notdürftige medizinische Hilfe. Doch die Deutschen bleiben interniert und isoliert von der dänischen Bevölkerung, um ein eventuelles Einleben der Deutschen in Dänemark zu verhindern.

Arbeit außerhalb der Lager ist den Flüchtlingen nicht erlaubt – obwohl in Dänemark Arbeitskräftemangel herrscht – genauso ist ihnen das Erlernen der dänischen Sprache verboten. Sie erhalten jedoch alle Möglichkeiten, ihre deutsche Sprache und Kultur in den Lagern zu pflegen und an ihre Kinder weiterzugeben; die dänischen Behörden fördern den Aufbau eines funktionierenden Lager-Schulsystems und unterstützen ein eigenständiges Kulturleben. Gleichzeitig sollen die ehemaligen NS-Volksgenossen „Demokratie lernen“. Unter der Leitung eines mächtigen dänischen Lagerkommandanten entwickeln sich die Lager in kleine Gemeinden und Städte, mit einer eigenen, demokratisch gewählten Flüchtlings-Verwaltung und Infrastruktur: Lagergerichtsbarkeit, Schulen und Volkshochschulen, Kirchen, Gärtnereien, kulturelle Einrichtungen wie Theater, Orchester und Büchereien sowie Spiel- und Sportveranstaltungen.

Trotzdem bleiben die Lebensbedingungen für die Flüchtlinge schwierig und von Lager zu Lager unterschiedlich. Sie leben hinter Stacheldraht unter strenger Bewachung, nicht in Freiheit; auch wenn sie ihre Lagervertretung demokratisch wählen dürfen, können sie nur die Lagerzeitung lesen und haben keinen Zugang zur freien dänischen Presse; erst ab Frühjahr 1946 dürfen sie Postverkehr mit Deutschland haben, weiterhin begrenzt und zensiert. Sie erleben große Kälte oder Hitze in schlecht geheizten und isolierten Gebäuden, die oft auch von Ungeziefer befallen sind. Oft wissen sie nicht, ob ihre Männer, Väter, Brüder und viele andere Angehörige noch leben und wo sie sich befinden, die Strapazen der Flucht haben ihre Spuren hinterlassen. Sie hausen auf engstem Raum mit fremden Menschen unterschiedlichster Herkunft ohne Intimsphäre; Neid, Missgunst, Streit und auch körperliche Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung; sie erfahren aber auch Mitmenschlichkeit, Solidarität und gegenseitige Hilfe. Wenn die Flüchtlinge schon nicht in die Heimat zurück können, ist der Wunsch nach einer baldigen Ausreise nach Deutschland „in die Freiheit“ groß; auch wenn dort Not, Hunger und weiteres Lagerleben drohen.

Doch erst im Laufe des Jahres 1946 dürfen die ersten etwa 50.000 Flüchtlinge als „Wehrmachtsgefolge“ Dänemark verlassen: Flüchtlinge, die für die Wehrmacht tätig waren, dürfen „repatriiert“ werden. Diese Beschreibung wird relativ großzügig ausgelegt, ehemalige „Volkssturm“-Angehörige sind ebenso darunter wie Lazaretthelferinnen oder Küchenhilfen. Im Juli 1947 leben nach offiziellen dänischen Zählungen noch immer 183.000 Deutsche in 142 Lagern. „Zivile“ Flüchtlinge dürfen ab November 1946 nach und nach über das zentrale Durchgangslager in Kolding zunächst in die britische Besatzungszone ausreisen. Bevorzugt werden diejenigen Flüchtlinge, die eine Unterkunft bei Verwandten oder Freunden nachweisen können. Im Lauf des Jahres 1947 nehmen auch die anderen Zonen Flüchtlinge aus Dänemark auf. Die letzten Flüchtlinge verlassen Dänemark im Februar 1949 nach fast vier Jahren.

Die überlieferte Behandlung der Flüchtlinge durch Dänen weist eine große Bandbreite auf: Ehemalige Flüchtlinge erinnern aggressives und brutales Verhalten dänischer Wachposten ebenso wie Beleidigungen oder die Tatsache, in Läden nicht bedient zu werden. Andere dagegen berichten von achtungsvollem und korrektem Umgang und großer Hilfsbereitschaft von Seiten der dänischen Bevölkerung.

Siehe auch:

Internierung
Timmermann
Ordnungsreglement für deutsche Flüchtlinge
Das Flüchtlingslager Oksbøl

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