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Die Kieler 'Arbeiterjugend' um 1918 © izrg

Im Juni 1904 erregt der Selbstmord eines Lehrlings in Berlin Aufmerksamkeit. Er kann die Misshandlungen durch seinen Handwerksmeister nicht länger ertragen. Der sozialistische Revisionist Eduard Bernstein ruft die proletarische Jugend zum Zusammenschluss und zur aktiven Teilnahme auf, um die eigene Lage positiv zu verändern. Bereits im Oktober 1904 entsteht aus diesem Grund der "Verein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins". Der Gedanke findet zahlreiche Nachahmer in weiteren Städten des Deutschen Reiches.

In Schleswig-Holstein vermehren sich nach der November-Revolution die "Arbeiter-Jugend-Vereine": Gruppierungen, die eine soziale und politische Erneuerung der Gesellschaft fordern, sind für Lehrlinge und Jugendliche aus Arbeiterfamilien eine beliebte Anlaufstelle, da die Arbeitsbedingungen nach wie vor oft unerträglich sind. Zehn Stunden Arbeitszeit, ohne Anspruch auf Urlaub, ohne angemessene Entlohnung sind für Lehrlinge die Regel. Sie hoffen sich vom Ende des Kaiserreichs eine Befreiung von den Zwängen der wilhelminischen Gesellschaft, neue Perspektiven und eine Verbesserung der eigenen Lage.

Auch die Kieler "Arbeiter-Jugend" zählt 1918 innerhalb weniger Wochen über 1.000 Mitglieder in den Kreisen ihrer "Freien Jugendorganisation an der Kieler Förde"; im kaiserlichen Deutschland durften Jugendliche nicht politisch organisiert sein. Bereits 1919 bezeichnet sich der Zusammenschluss als "Arbeiter-Jugend-Kiel" und wenige Jahre später übernimmt sie die reichseinheitliche Bezeichnung "Sozialistische Arbeiter-Jugend" (SAJ). Der "Arbeiterjugend-Verein" möchte als Jugendgruppe der SPD gemeinsam mit der "Mutterpartei" eine positive Veränderung für die arbeitende Jugend erreichen. Und dennoch beginnt sich die Jugend von der Partei abzulösen, beraten über ein eigenes Jugendprogramm. Ein neues Lebensgefühl entsteht. Das große Bildungs- und Kulturangebot spricht vor allem einen aufstiegsorientierten Teil der Arbeiterjugend an. Auf Heimabenden sprechen die jugendlichen Arbeiter über politische und literarische Themen; immer wieder treffen sich Gruppen zu Musik- und Volkstanzkreisen, Sprechchor- und Laienspielgruppen, Tanzabenden im Gewerkschaftshaus, aber auch zu gemeinsamen Fahrten und Wanderungen.

Die Kieler "Arbeiter-Jugend" sieht ihre Wurzeln noch bei der "Mutterpartei" SPD, beharrt jedoch immer öfter auf ihre Selbstständigkeit. Sie fordert "Kampf dem Alkohol und Kampf dem Nikotin" und entfernt sich somit von der älteren Generation, die diese Forderung nicht teilt. Die Parteiführung in Kiel lässt der Jugend freien Lauf und schafft gerade so eine Basis für eine erfolgreiche Arbeit in Partei und Jugendorganisation. Ziel der gemeinsamen Arbeit ist die Verbesserung der materiellen Situation der Arbeiterkinder und -jugendlichen, eine bessere Schulbildung und eine Erziehung zur Selbstständigkeit.

Die "Arbeiterjugend" mischt sich nicht in tagesaktuelle parteiliche Auseinandersetzungen ein. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der politischen und kulturellen Erziehung, nicht in politischen Aktionen. So setzten sich die Kieler Vereine mit Grundsatzfragen der Zeit auseinander: "Wie ist unsere Stellung zum Staat?" "Staat und Sozialismus" "Nation und Internationale" "Nie wieder Krieg!" oder "Aufbau einer Wehrmacht?" "Sozialisierung der Grundindustrie" "Wie kann Sozialismus verwirklicht werden?" Zuletzt steht die Grundsatzentscheidung fest: Die Kieler "Arbeiter-Jugend" entscheidet sich für "Demokratie und Fortschritt" und somit gegen die "Diktatur des Proletariats". Die wenigen Mitglieder, die diesem Entschluss nicht zustimmen, wechseln in die kommunistische Partei. Die sozialistische "Arbeiterjugend" kann sich somit mit der Weimarer Republik anfreunden, deutet diese als Etappe auf dem Weg in den Sozialismus.

Siehe auch:

Kieler Arbeiter-Jugend

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