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HDW - Großschiffbau in Schleswig-Holstein © izrg

Wenn es den Werften schlecht geht, geht es auch Kiel schlecht. - Dieser Grundsatz gilt auch in der Nachkriegszeit, als von den ehemals drei großen Kieler Seeschiffswerften nur die "Howaldtswerke" nach dem Krieg nicht demontiert werden, sondern den Schiffbaubetrieb wieder aufnehmen.

Als privatwirtschaftlich organisiertes, aber weiterhin weitgehend in Staatsbesitz befindliches Unternehmen kommt den "Howaldtswerken" unter den schleswig-holsteinischen Werften eine besondere Rolle zu. Aber nicht nur das: Die Werft ist in der Nachkriegszeit nicht nur bei weitem größter privater Arbeitgeber der Stadt, sondern zeitweise auch ganz Schleswig-Holsteins. 1956, im "Wirtschaftswunder", zählt die Belegschaft mehr als 12.000 Mitarbeiter. "Howaldt", das ist das Herzstück der Kieler Wirtschaft und damit das Symbol für die einseitige Wirtschaftsstruktur der Stadt. Seit 1965 beherrscht die Werft mit den beiden Portalkränen auch optisch das Stadtbild weithin sichtbar.

Bereits Mitte der 1960er Jahre gerät die Werft - vorerst kurzzeitig - in schwere See: 1964/65 schreibt sie erstmals rote Zahlen, im folgenden Jahr beläuft sich der Verlust auf 25 Millionen DM! Dadurch wird der Weg bereitet für den Zusammenschluss mit dem Hamburger Howaldtswerk und der "Hamburger Deutschen Werft AG". Ab 1968 firmiert das Werftunternehmen unter dem Namen "Howaldtswerke - Deutsche Werft AG", oder kurz HDW. Vorübergehend erholt sich die Werft und profitiert vom Tankerboom, jedoch - wie die meisten deutschen Werften - ohne sich ausreichend für das Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs zu rüsten.

Die Mitte der 1970er als Folge der Ölkrise durchschlagende Flaute auf dem weltweiten Schiffbaumarkt trifft auch HDW. Allerdings übersteht die Werft die Anfänge der Strukturkrise noch einigermaßen, nicht zuletzt aufgrund des politisch keineswegs unumstrittenen "zweiten Standbeins" neben dem Handelsschiffbau: Neubau und Reparatur von Militärschiffen für die Bundesmarine wie für den Export - verschleiernd "Sonderschiffsbau" genannt - füllen einen beträchtlichen Teil der Auftragsbücher. Dabei besteht bei Management und Belegschaft relative Einigkeit: Während die sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt in Bonn 1980 den Widerruf der Exportgenehmigung für U-Boote an die Militärdiktatur in Chile erwägt, organisiert die Belegschaft einen Kurzstreik von 1.000 Werftarbeitern, die für den Bau der U-Boote demonstrierten. Schon 1978/79 war an einem zunächst gefeierten Rüstungsexportauftrag der HDW deutlich geworden, wie anfällig ausfuhrorientierte Rüstungsaufträge sind; als im Iran der Schah gestürzt wird, für dessen Armee die Werft U-Boote und Fregatten bauen sollte. Den Erfahrungen der ehemaligen "Reichskriegshafenstadt" Kiel mit zwei Weltkriegen und der problematisch starken Abhängigkeit von Rüstungsaufträgen stehen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nur wenig gangbare Alternativen gegenüber.

1980/81 weist die Bilanz von HDW ein auf Jahre letztmalig ausgeglichenes Ergebnis aus, im Folgejahr steht ein Verlust von über 30 Millionen DM zu Buche, 1982/83 bereits das Doppelte und 1983/84 ein Minus von über 95 Millionen! Das Urteil des Bundesrechnungshofes über das Management der Werft fällt vernichtend aus. Unter dem neuen "Howaldt"-Chef Ahlers erarbeitet die Geschäftsleitung 1983 ein Sanierungskonzept zur Überwindung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten: Den Kern bildet die drastische Herabsetzung der Kapazitäten im Handelsschiffbau, 3.600 Mitarbeiter in Hamburg und Kiel müssen gehen, der Schiffsneubau in Hamburg wird völlig eingestellt. Die Veröffentlichung der Pläne unmittelbar nach den Landtags- und vorgezogenen Bundestagswahlen im März 1983 zieht wütende Demonstrationen der Werftarbeiter nach sich. In Hamburg haben schon 1981 so genannte "aktive Metaller" als radikale Gewerkschafter die Betriebsratswahlen gewonnen. In Kiel hingegen setzt der Betriebsrat seine traditionell gemäßigte, einigungsorientierte Verhandlungspolitik fort.

Während in der Schiffbaukrise viele Werften aufgeben müssen, hilft bei HDW die Beteiligung des Landes und des Bundes, zudem kann 1986 mit der in Konkurs gegangenen "Nobiskrug"-Werft in Rendsburg eine moderne Spezialschiffswerft in das Unternehmen integriert werden. Nach der Stabilisierung der Situation auf dem Weltschiffbaumarkt gegen Ende der 1980er Jahre zieht sich 1990/91 das Land Schleswig-Holstein wie vorgesehen aus seiner Kapitalbeteiligung bei HDW zurück. In den folgenden Jahren wechseln die Anteilseigner, HDW wird zum Spielball der Interessen von Großkonzernen. Zu diesem Zeitpunkt ist bei HDW eine langfristige Phase des tief greifenden strukturellen Wandels bereits abgeschlossen. Die drastische Verringerung der Belegschaft, die Modernisierung der Anlagen und nicht zuletzt die Veränderungen in der Struktur der Belegschaft sind dafür die deutlichsten Anzeichen.

Siehe auch:

Demontage
Rolf Selzer
HDW
Kräne
In der Krise wie im Boom - Staatliche Förderung des Schiffbaus

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