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Streikbrecher © izrg

"Ein Pfui den Streikbrechern!" Beim Ausstand der schleswig-holsteinischen Metallarbeiter von 1956/57 zeigt sich eine neue, hartnäckigere Form der Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern. Für Konfliktstoff sorgt nicht nur der Arbeitskampf selbst, sondern auch die Rolle der Arbeiter, die nicht Mitglied der "IG Metall" sind und trotz des Streiks weiterarbeiten.

Insgesamt bleibt die Zahl der von Seiten der "IG Metall" registrierten "Arbeitswilligen" äußerst niedrig, lediglich 800 gegenüber rund 34.000 Streikenden werden gezählt. Ein wesentlicher Grund liegt in dem hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad der Metallarbeiter. Im Bezirk Kiel-Eckernförde gehören 85 %, im deutsch-dänischen Grenzraum sogar 93% von ihnen der Gewerkschaft an. In kleineren Betrieben außerhalb der Hauptstandorte der schleswig-holsteinischen Schwerindustrie sind es bedeutend weniger; in diesen Betrieben umgehen deutlich mehr Arbeiter den Streikaufruf. Zum Vergleich: Auf der "Howaldtswerft" finden sich unter den 13.000 Arbeitern nur 16 "Streikbrecher". Die Gewerkschaft bezieht dies auch in ihr Kalkül ein und setzt bei ihrer Streittaktik deshalb schwerpunktmäßig auf große Betriebe.

Angesichts des Ausmaßes des Streiks und seiner prinzipiellen Bedeutung empfinden die Streikenden das Verhalten der "Arbeitswilligen" als äußerst unsolidarisch und reagieren entsprechend. In Einzelfällen kommt es zu handgreiflichen Übergriffen von Streikposten, allerdings sind auch Provokationen und Schmähungen von Seiten der "Streikbrecher" überliefert. Bei der Kieler "Howaldtswerft" führen die Streikposten an den Werkstoren Listen mit den Namen von "Streikbrechern". Zudem mietet die "IG Metall" in Kiel eine Barkasse an, mit der sie vor der Wasserseite des Werftgeländes patrouilliert, um das anonyme Heranschiffen von "Streikbrechern" zu verhindern. In Flensburg werden "Arbeitswillige" mit Motorrädern bis nach Hause verfolgt, "zwecks Feststellung ihrer Adressen". Mit Hilfe von "Hausbesuchen" versuchen die Gewerkschafter, die Betreffenden dazu zu bewegen, die Arbeit ebenfalls niederzulegen. Belegt sind auch Beispiele öffentlicher Schmähungen der "Streikbrecher": so etwa indem Streikposten mit entsprechenden Plakaten vor den Wohnhäusern der Betreffenden aufmarschieren. In Lauenburg verliest der örtliche Streikleiter vor einer Menge von 700 Streikenden die Namen von zehn Arbeitern, die dem Streikaufruf nicht gefolgt sind und fügt hinzu: "Diese Streikbrecher werden in Lauenburg zu einer traurigen Berühmtheit gelangen, noch unsere Kinder und Kindeskinder werden abfällig von ihnen sprechen." In Flensburg veröffentlicht die Streikleitung in einem Flugblatt den Namen eines "Streikbrechers" und betitelt ihn als "Judas". Aktionen wie diese sind bis heute umstritten, erinnert die öffentliche Erniedrigung bis hinein ins private Umfeld durchaus an Methoden nationalsozialistischer Einschüchterung.

Die Arbeitgeber tragen ebenfalls wenig zur Deeskalation bei, indem sie ihrerseits streikende Arbeiter und ihre Familien durch Hausbesuche umzustimmen versuchen. Zudem schalten sie in der Presse großflächige Anzeigen, in denen sie der Gewerkschaft und ihren Streikposten "Terror"-Methoden vorwerfen.

Es sind fast ausschließlich "Unorganisierte", also Nicht-Gewerkschaftsmitglieder, die sich dem Streik nicht anschließen. Das tun sie zum größten Teil aus sehr handfesten Gründen. Anders als ihre gewerkschaftlich organisierten Kollegen, erhalten sie kein Streikgeld, sondern müssen sich und ihre Familien mit (illegalen) Gelegenheitsjobs oder Geld von der öffentlichen Fürsorge über Wasser halten - Geld, das sie später zurückzahlen müssen. Zwar können sie noch in den ersten Streiktagen der "IG Metall" beitreten (was viele auch tun, allein bei der "Howaldtswerft" zählt man an einem einzigen Vormittag 2.000 Neuaufnahmen). Sie erhalten jedoch eine deutlich geringere Streikunterstützung und das nur ausnahmsweise, denn vorgesehen ist das erst nach über einjähriger Mitgliedschaft.

Die Folgen des sozialen Tabubruch der "Streikbrecher" für das weitere Zusammenarbeiten lassen sich in ihrer konkreten Auswirkung nur erahnen, dürften jedoch sehr schwerwiegend sein. Die soziale Ausgrenzung innerhalb ihres gesellschaftlichen Umfelds als Folge ihres "unsolidarischen Verhaltens" bekommen die "Streikbrecher" deutlich und oft noch jahrelang zu spüren. In Elmshorn weigern sich Beschäftigte der "Kremer-Werft", mit "Streikbrechern" zusammenzuarbeiten. Auf der Lübecker "Flenderwerft" erreichen rund 1.000 während der Arbeitszeit demonstrierende Arbeiter, dass die Betriebsleitung drei "Streikbrecher" entlässt - nach Streikende!

Siehe auch:

Reaktionen
Streikbrecher
Kontrolle
Streikposten
Inserat
Flugblatt

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