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Streikkultur © izrg

Und die Stimmung unter den Streikenden ist von Beginn an kampfeslustig und gut, erstaunlich gut. Ein Erfolg durchaus geschickter "Streikkultur": Vom ersten Tag an erscheinen als eigene Zeitung die "Streiknachrichten" mit einer zeitgemäßen Mixtur aus Streikmeldungen, Begründungen des Arbeitskampfes, Reportagen aus den Streikorten, Solidaritätsberichten, unterhaltenden Texten, zugespitzten täglichen Karikaturen, der Comic-Serie "Hein Mück auf Streikposten" und Veranstaltungshinweisen. Die Streiknachrichten stabilisieren das Feindbild des "Zigarre-rauchenden Unternehmers" mit der "Herr-im-Hause-Einstellung".

Und dann das Kulturangebot: In Kiel mietet die "IG-Metall" zum Beispiel sechs Kinos, die vormittags in Sondervorstellungen Filme für Streikende bieten. Allein die zwei Filmwagen, die durch die Provinz fahren, erreichen 70.000 Zuschauer. Da besuchen Tausende die "Streikrevue" in der Kieler "Ostseehalle" oder dem Flensburger "Deutschen Haus", für Kinder der Streikenden reist ein Kaspertheater durchs Land, für Frauen und Mütter werden Modenschauen geboten, in Lübeck auch: "Frauenveranstaltungen mit Kaffee und Kuchen. Es unterhält: Hein Timm". Und was noch wichtiger ist: In regelmäßigen "Hausfrauenbriefen" versucht die Streikleitung, in den Familien die nötige Streikstimmung aufrecht zu erhalten. - Ein wichtiger Aspekt, erreicht der Streik doch bald die Weihnachtszeit, die in Deutschland traditionell rührselig und harmoniebedürftig ausfällt. Mit dem Versprechen eines Weihnachtspaketes an jeden Streikenden - allein in Kiel verteilt man tatsächlich 14.000 - mit bundesweit gesammelten Weihnachtsgeschenken für Metaller-Kinder, mit gewerkschaftlich organisierten, von Pastoren zelebrierten Weihnachtsfeiern - in Kiel spricht der Probst persönlich - umschifft man die "kampfgefährdenden" Stimmungen. Damalige Kinder berichten aus der Erinnerung, dass "das Weihnachtsfest 1956 für sie das schönste Weihnachten gewesen ist, das sie je mit ihren Eltern erlebt haben".

All das bringt den Redakteur der Tageszeitung "Die Welt" auf die griffige Formel des "Komfortstreiks" und der "Spiegel" titelt: "Metallarbeiterstreik. Mit Kabarett und Kino." Und schließlich die finanzielle Streikunterstützung: Ein Teil der Gewerkschaftsmitglieder erhält bis zu 20 DM, einige bis zu 100 DM wöchentlich. Die Unterstützung der meisten liegt zwischen 40 und 60 DM wöchentlich, jeweils abhängig von der Dauer ihrer "IG Metall"-Mitgliedschaft, den Familienverhältnissen und der Höhe der eingezahlten Beiträge. Zusätzlich bekommen die Streikenden Sonderzuwendungen: Mietbeihilfen, Weihnachtsgeld, verbilligtes Mittagessen, Lebensmittelkarten und Kleiderspenden. Insgesamt beläuft sich die finanzielle Unterstützung auf 70-80% der regulären Nettoeinkünfte. Zudem gibt es Überbrückungskredite der Gewerkschaft, eigene Gutscheine, sozusagen ein Notgeld, das zu Weihnachten bei Verkaufsstellen des gewerkschaftseigenen Konsum in "wichtige Lebensmittel" eingetauscht werden kann. In der Rubrik "Solidarität der Tat" vermelden die Streiknachrichten täglich Spenden aus dem gesamten Bundesgebiet, Beträge zwischen 1 DM und 10.000 DM und mehr. Allein 2.000 Metallarbeiter der Kieler "Howaldtswerke" treten noch eben vor Streikbeginn der "IG-Metall" bei, insgesamt im Land mindestens 13.000; für sie, die noch keine üblichen Streikgelder aus der Gewerkschaftskasse hätten beziehen können, trifft man Sonderregelungen; immerhin 18 bis 20 DM wöchentlich und die Sonderzahlungen erhielten auch sie. Wirklich hart trifft es die Nicht-Gewerkschaftsmitglieder, die nach Streikbeginn nicht in die Gewerkschaft eintreten. Sie erhalten kein Streikgeld, sondern müssen sich und ihre Familien mit (illegalen) Gelegenheitsjobs oder Geld von der öffentlichen Fürsorge über Wasser halten - Geld, das sie später zurückzahlen müssen.

Siehe auch:

'Streikrevue'
Streikalltag
Comic-Strip
Veranstaltungsangebot
Modenschau

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