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Politisierte Strände © izrg

"Wer bei der Reichstagswahl sich sorgfältig in Acht nimmt, um seine Stimme so geheim wie möglich abzugeben, lässt hier lustig seine politische Gesinnung, dargestellt durch die Flagge, in wörtlichstem Sinn des Wortes in die Luft flattern, ein öffentliches Bekenntnis: Schwarz-Rot-Gold oder Schwarz-Weiß-Rot. Die ganz losgelassenen, sich von jedem Zwang frei wissend, wählen unbekümmert das ‚Hakenkreuz'." So schildert ein niederländischer Journalist im Sommer 1928 die Szenerie an den Stränden der deutschen Seebäder und analysiert: "Denn der republikanisch gesinnte Arzt weiß immer genau, welchen Badeort er seinen deutsch-nationalen Patienten empfohlen hat, und auch der Bürgerschullehrer hat vorsichtig gefühlt, wo sein andersgesinnter Direktor seine Ferien verbringt, und sie können also hier, ohne auf die Finger geklopft zu werden, ihre politische Gesinnung im buchstäblichen Sinn des Wortes zur Schau stellen."

Längst hat die Politisierung und Radikalisierung der Gesellschaft in der Weimarer Republik auch die Badeorte an Nord- und Ostsee erreicht: Man trägt den "Flaggenstreit" am Strand aus. 1931 veröffentlicht die Sylter Zeitung den hilflosen Appell: "Das Bad ist parteipolitisch neutral!" Hier versucht man es zunächst ohne Fahnenverbote, schließlich dürfen doch nur Flaggen des Reiches, der Länder und Provinzen gezeigt werden. Und noch einmal wird in einem Leserbrief der Sylter Zeitung die Vernunft beschworen: "Im Sommer ist jeder froh, wenn seine Zimmer besetzt sind und fragt nicht nach Rassen. Es ist dabei gleichgültig, wer mietet, ob Jude, Heide oder Christ aller Nationen, die Hauptsache ist und bleibt, er hat das Geld und bezahlt die bescheiden präsentierte Rechnung!" Es bringt nichts: Die "politische Neutralität" des Strandes geht verloren, er wird zum Tummelplatz politischer Leidenschaften. Bereits im Sommer 1930 nutzen die Nationalsozialisten die Öffentlichkeit des Badebetriebs, um bei einem Aufmarsch in Timmendorfer Strand und Travemünde mit Parolen wie "Nieder die Republik!" und "Juda verrecke!" auf sich aufmerksam zu machen.

Ab 1933 geben sich auch die Badeorte im neuen NS-Staat politisch angepasst. Im Mai 1939 - Monate nach der Reichspogromnacht 1938, in der auch in Wyk Braunhemden grölend marschieren - wird das jüdische Kinderheim in der Wyker Gmelinstraße abgerissen, als Brandruine und auf Kosten der jüdischen Gemeinde Hamburg. Auch Westerland gibt Antwort auf die "Judenfrage": Schon 1933 sind viele Stammgäste auf die dänische Nachbarinsel Röm ausgewichen, aber "judenrein", wie die menschenverachtende Formel lautet, ist das Bad noch nicht. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter kündigt 1935 an, man werde Juden den Aufenthalt schon verleiden: "Juda soll in Palästina baden!" 1936 sehen sich Westerlands Logierhausbesitzer und Händler aufgefordert, Inschriften wie "Juden unerwünscht" oder "Deutsches Haus" anzubringen, ab 1938 gibt es in allen Kurorten Aufenthaltsverbote für jüdische Gäste.

Siehe auch:

Sylter Zeitung, September 1931
"Judenfrage"
Die Reichspogromnacht in Schleswig-Holstein
Sandburg

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