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Revolution in Eckernförde © izrg

4. November 1918 in Eckernförde, einer handwerklich-bürgerlich, politisch linksliberal geprägten Gemeinde mit etwas mehr als 7.000 Einwohnern, die von Fischerei und Fisch verarbeitendem Gewerbe geprägt ist: Die hier stationierten Marinesoldaten ziehen – teilweise bewaffnet – durch die Stadt, befreien einen inhaftierten Soldaten aus dem Amtsgericht und hießen die rote Flagge auf ihren Wohnschiffen. Die Arbeiter der 1913 gegründeten kaiserlichen „Torpedoversuchsanstalt“ erklären, sie hätten ihren Betrieb übernommen. Die Landsturmmannschaften entreißen den Polizisten Eckernfördes die Waffen, wie auch ihren Offizieren, die darauf zum Großteil die Stadt verlassen. Auf Gegenwehr der alten Obrigkeiten stoßen die Revolutionäre nicht. – Auch in den Kleinstädten Schleswig-Holsteins findet also die Revolution statt.

Einen Tag später gründet sich auch hier ein Arbeiter- und Soldatenrat mit einem vorläufigen Aktionsausschuss unter dem Vorsitzenden Otto Jünger, einem (mehrheits-)sozialdemokratischen Maschinenschlosser. Dieser erläutert auf einer großen Versammlung die gewaltfreien Bemühungen des Rates um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung: „Das wirtschaftliche Leben solle auch hier ungestört seinen Fortgang nehmen, jeder solle auf seinem Posten bleiben und diesen voll ausschöpfen, Ordnung und Aufmerksamkeit solle herrschen. Im besonderen werde man bemüht bleiben, eine geordnete Lebensmittelversorgung zu gewährleisten... Das Wort ... gelte auch für die Spitzend der Behörden. Landrat und Bürgermeister sollten ebenfalls ihren Platz behalten und unter Leitung des Aktionsausschusses für das Wohl der Allgemein weiterarbeiten.“

Im Anschluss wird ein endgültiger Arbeiter- und Soldatenrat gewählt, der dann die Arbeit aufnimmt. Seine Aufgaben sieht er vor allem in der Sicherung der Lebensmittelversorgung und in der Verbreitung der Revolution in die ländliche Umgebung durch Informationsveranstaltungen, die meist in die Wahl von „Bauernräten“ müden. Der Aktionsausschuss des Rates sucht Landrat und Bürgermeister auf, fordert sie und ihre Behörden zur Weiterarbeit auf und sichert ihnen sein Bemühen zu, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Jedoch werden rote Fahnen auf den Amtsgebäuden gehisst. Einfluss auf die existierende Verwaltung soll durch „Beigeordnete“ genommen werden. Es wird deutlich: Langfristige politische Zielsetzungen existieren nicht, die Akteure übernehmen spontan die Verantwortung und nutzen die Gunst der Stunde zur Revolution.

Die Ziele der Arbeiter- und Soldatenräte umreist der Vorsitzende Jünger in einer Versammlung am 22. November 1918: „... Die Regierung im Reiche und in den Einzelstaaten sind gestürzt. An die Spitze sind Männer getreten, die das Vertrauen des Volkes besitzen und in schwerer Stunde den Willen haben, Schweres zu verhüten. Die Arbeiter- und Soldatenräte haben sich gebildet. Sie haben die Aufgabe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen und die Behörden ... zu beraten und zu überwachen. Die Arbeiter- und Soldatenräte sind die Träger der Macht und haben die Führung im Deutschen Reiche. Sie werden sich bemühen, mit den Behörden zu arbeiten. Wir wollen nicht, daß irgendein Gegensatz zu den Behörden eintritt. Wir wollen gegen-revolutionäre Maßnahmen verhindern, nicht deshalb, weil wir die Macht haben wollen, sondern darum, weil wir die gewaltigen Aufgaben der Arbeiter- und Soldatenräte durchführen müssen. Die Behörden haben sich bereit erklärt, mit uns zusammenzuarbeiten und mit uns die schweren Aufgaben zu lösen. Ihnen allen sind die Waffenstillstandsbedingungen bekannt. Sie sind furchtbar hart und schwer, fast undurchführbar. Aber ich kann und muß die Erklärung abgeben, daß sie dennoch durchgeführt werden müssen, weil wir einen Frieden brauchen, um uns zu erholen ... Wir sind der festen Zuversicht, dass es uns möglich sein wird, Friedenverträge abzuschließen, die annehmbar und menschenwürdig sind. ... Wir wollen keinen Bolschewismus einführen. Wir sehen auch heute noch nicht ein, daß eine besondere Partei herrschen soll, wir wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Aus diesem Grunde sollen in absehbarer Zeit die Wahlen zur Nationalversammlung stattfinden, die dann die Gesetzgebung regeln wird ... Weite Kreise des Volkes sollen das Recht bekommen, zur Nationalversammlung zu wählen und Männer an die Spitze des Reiches zu stellen, zu denen sie Vertrauen haben ... Jeder ist dazu berufen mitzuhelfen, daß das Ziel der Revolution, die soziale Republik erreicht wird ... Auch der Gegner wird geachtet.“

Nach einem revolutionären Monat ist der Aufstand in Eckernförde eigentlich schon zu Ende, ohne dass ein wirklicher Umbruch vollzogen worden ist: Der Soldatenrat in Eckernförde löst sich auf, nachdem das Heer entlassen wird und die Soldaten nach Hause wollen. Der Arbeiterrat konzentriert sich eher auf sozialpolitische Aufgaben, die auch aus der Demobilisierung des Heeres folgen wie Arbeitsvermittlung für entlassene Soldaten, Wohnungsvermittlung für bedürftige Landarbeiter oder Unterstützung der Bauernräte und führt diese Aufgaben auch nach der Reichstagswahl im Januar 1919 bis Spätsommer 1919 fort. Doch auch hier in Eckernförde bleiben wie in vielen Orten Schleswig-Holstein und der Republik – wie sich später zeigen wird – die republikfeindliche und antidemokratischen Kräfte an den Schlüsselpositionen in Militär, Justiz und Verwaltung.

Siehe auch:

Rote Fahne
Arbeiter- und Soldatenräte
Mehrheitssozialdemokratie (MSPD)

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