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Flüchtlinge in Schleswig-Holstein © izrg

Flüchtlinge und Vertriebene - eine augenfällige Kriegsfolge; die schleswig-holsteinische Bevölkerung steigt zwischen 1939 und 1946 um 69 % an.

Flüchtlinge und Vertriebene stellten eine augenfällige Kriegsfolge dar. Während im Mai 1939 knapp 1,6 Millionen Menschen in Schleswig-Holstein lebten, so waren es 1946 über 2,7 Millionen: Neben 1.484.863 "Einheimischen" zählte man 1.222.258 "Flüchtlinge", die Bevölkerung war um 69 % angestiegen; der Anteil der Neuankömmlinge lag bei 45 %, auf vier "Einheimische" kamen drei "Zugezogene". Die Städte konnten weniger Menschen aufnehmen, die ländlichen Regionen trugen die Hauptlast [mehr]. 1950 lebten in den Kreisen Eckernförde, Eutin, Lauenburg, Segeberg, Steinburg und Stormarn mehr Flüchtlinge als Einheimische.

Bereits 1943 hatte man etwa 200.000 "Evakuierte" aus bombengefährdeten Großstädten in Schleswig-Holstein und Hamburg in ländlichen Regionen untergebracht. Viele konnten nach Kriegsende zunächst nicht zurückkehren, noch 1951 wurden 85.000 gezählt. Die große Mehrheit der Zugezogenen stellten aber jene, die seit den letzten Kriegsmonaten aus östlichen Gebieten vor der sowjetischen "Roten Armee" nach Schleswig-Holstein und Dänemark geflohen waren. Die "Reichsmarine" hatte in Kurland, Ostpreußen und Danzig Eingekesselte in schleswig-holsteinische und dänische Häfen evakuiert, jedenfalls wenn auf den Schiffen Platz war, denn Vorrang hatten weiterhin Waffentransporte. Circa 300 eingesetzte Schiffe gingen durch Kampfmaßnahmen der Alliierten verloren. Die wohl furchtbarste Katastrophe ereignete sich am 30. Januar 1945, als die "Wilhelm Gustloff", von einem sowjetischen Torpedo getroffen, mit wahrscheinlich 8.000 Menschen versank; weniger als 1.000 überlebten. Am 16. April 1945 wurde die "Goya" getroffen, diesmal starben knapp 6.000 Menschen.

Zu den Flüchtlingen kamen die "Heimatvertriebenen", die zunächst in ihrer Heimat im Osten geblieben waren. Die verabredete Aktion "Schwalbe" verschob 1946 215.000 Vertriebene aus polnisch besetzten Gebieten nach Schleswig-Holstein. Zudem brachte der zwischen der britischen und russischen Besatzungszone vereinbarte Bevölkerungsaustausch im Rahmen des Projektes "Influx" in der Summe zusätzliche 150.000 Menschen in die Provinz.

Viele Flüchtlinge und Vertriebene kamen traumatisiert in ihrer neuen "Heimat" an, sie mussten mehr verkraften als den Verlust von Eigentum, Arbeit und Heimat: Waren sie in die Hände der "Roten Armee" geraten, dann hatten sie oft Gewalt, Vergewaltigungen, Mord erlebt. Diese Verbrechen sowjetischer Soldaten stellten nach hunderten Kilometern Fahrt durch von Deutschen verbrannte russische Erde auch eine vergeltende Reaktion dar, blieben aber Verbrechen. Zwei Millionen überlebten Gewalt und Strapazen der Flucht nicht. Insgesamt zwölf Millionen Deutsche kamen in einer der vier deutschen Besatzungszonen an, jeder Zehnte von ihnen allein im kleinen Schleswig-Holstein.

"Fremde" stießen im "Gastland" auf Vorurteile und Ablehnung. In Wohnquartiere eingewiesen, lebten sie auf engstem Raum mit ihren unfreiwilligen "Gastgebern" zusammen. Zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene mussten jahrelang in Lagern leben, deren Enge und Isolation noch bedrückender wirkten. Ende 1948 lebten in Schleswig-Holstein 184.000 Zugereiste in derartigen "Notquartieren". Ehemalige Lager des "Reichsarbeitsdienstes", Zwangsarbeiterlager oder eigens angelegte Massenunterkünfte – oft mit den zum Symbol gewordenen Nissenhütten – dienten als "Kriegsfolgenhilfelager". 1950 zählte man im Land 728 dieser Lager mit noch knapp 130.000 Bewohnern, 1955 immer noch 513 Lager mit 68.000 Insassen. Je länger die "Fremden" in Notquartieren lebten, desto nachhaltiger sahen sie sich ausgegrenzt und benachteiligt.

Kein Land im Nachkriegsdeutschland erfuhr einen auch nur annähernd vergleichbar hohen Zuzug wie Schleswig-Holstein. Gleichwohl scheiterten alle Bemühungen der Landesregierung, noch in den 1940er Jahren Verabredungen über Umsiedlungen zu treffen, an der egoistischen Starrheit der anderen Länder. Erst mit bundespolitischem Druck nach Gründung der Bundesrepublik setzten 1950 Umsiedlungsvorhaben ein – das private Engagement von Betroffenen beschleunigte die staatlich organisierten Umsiedlungen. Schließlich verließen insgesamt 427.000 Zugezogene bis 1960 Schleswig-Holstein. Viele aber blieben auf Dauer: 1969 war ein Drittel aller "Schleswig-Holsteiner" den ehemals Vertriebenen und Flüchtlingen zuzurechnen. Über Jahrzehnte gehegte Träume einer Rückkehr in die Vertreibungsgebiete erwiesen sich als unrealistisch, der Verlust der Heimat als endgültig. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration der Flüchtlinge galt zu diesem Zeitpunkt als erfolgreich abgeschlossen.

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