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Scheitern der Weimarer Demokratie © izrg

Dem Scheitern der Weimarer Demokratie liegt ein Geflecht aus Ursachen zu Grunde.

Bei den Reichstagswahlen 1919 erhielten (M)SPD und USPD sowie die liberale „Deutsche Demokratische Partei“ (DDP) in Schleswig-Holstein zusammen mehr als ¾ der Stimmen. Doch schon 1924 stimmte die Mehrheit der Schleswig-Holsteiner für republikfeindliche Parteien.

Wie wenig Rückhalt die Demokratie bei den meist nach der Revolution nicht ausgetauschten Führungskräften in Militär und Verwaltung fand, zeigte sich während des Kapp-Lüttwitz-Putsches im März 1920: Viele Offiziere und einige Verwaltungsspitzen in Schleswig-Holstein sympathisierten mit den Putschisten, während Arbeiter „ihre“ Republik verteidigten, allein in Kiel am 18. März mit 68 Todesopfern. Gegen elf der 19 schleswig-holsteinischen Landräte ermittelte die Justiz anschließend wegen Verdachts der Mithilfe am Putsch.

Die Demokratie musste schwere Hypotheken der untergegangenen Monarchie übernehmen: Darunter die Annahme des „Versailler Friedensvertrags“ – von der Rechten als Verrat an Deutschland verschrien – die im Vertrag geregelte Grenzabstimmung 1920, die in den „Verlust“ Nordschleswigs mündete, und die wirkmächtige „Dolchstosslegende“. Außerdem hatte die Republik mit einer im Krieg zu Grunde gerichteten inflationären Währung zu kämpfen, die 1923 jeden Halt verlor und ganze Bevölkerungsgruppen verarmen ließ.

Obwohl die deutsche Wirtschaft zunächst einen Nachkriegsboom erlebte, erfuhr auch die Bevölkerung in Schleswig-Holstein die Jahre 1918 bis 1923 als wirtschaftliche Krisenjahre. Stabil und mit guten Wachstumsraten verliefen nur die Jahre 1924 bis 1928, um mit dem Börsenkrach am 29. Oktober 1929 in New Yorks Wallstreet in den Strudel der Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und Einbruch der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu geraten.

Ein stark wahrgenommenen Krisensektor existierte schon vorher: Die Landwirtschaft. Weimarer Regierungen setzten die monarchische Schutzzollpolitik nicht fort. Und nach der Währungsstabilisierung arbeiteten viele Landwirte Mitte der 1920er Jahre wie gewohnt mit Krediten, deren Zinsniveau nun aber drückte. Viele Bauern überschuldeten sich, einige konnten Rechnungen und Steuern nicht mehr bezahlen, es kam zu symbolträchtigen Zwangsversteigerungen. Protest formierte sich zwischen 1928 und 1930 in der – teilweise auch sehr gewalttätigen – „Landvolkbewegung“. Die Mehrheit der Bauern blieb zwar beim gewaltfreien Protest, aber sie lehnte die Demokratie, die auch Interessen der Bevölkerung in industriellen Zentren an preiswerten Lebensmittelimporten berücksichtigen musste, als vermeintliche Ursache der eigenen Not ab und wählte deutschnational, bald nationalsozialistisch – also republikfeindlich.

Gesellschaftliche Konflikte wurden zunehmend nicht in Parlamenten ausgetragen, sondern gewaltsam „auf der Straße“. Von Beginn an erschütterten revolutionäre Aufstände von links sowie gewalttätige Putschversuche und Mordanschläge von rechts die demokratische Ordnung der Weimarer Republik. Ab Mitte der 1920er Jahre prägten paramilitärische Verbände das Straßenbild: der „Rotfront-Kämpferbund“ (RFB) der Kommunisten, die „Sturmabteilung“ (SA) der Nationalsozialisten, der überwiegend deutschnationale Frontsoldatenbund „Stahlhelm“, aber auch die von Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und Linksliberalen getragene Republikschutzorganisation „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“. Vor allem die bewaffneten „Kampfverbände“ von Nationalsozialisten und Kommunisten traten zunehmend aggressiver auf. Insgesamt kamen in der Provinz zwischen 1928 und 1933 fast 50 Personen bei politischen Gewalttaten und gezielten Morden ums Leben.

Besonders gewalttätig waren die sechs Wochen vor den Reichstagswahlen im Juli 1932 mit dem Höhepunkt des „Altonaer Blutsonntags“ am 17. Juli 1932. Der „Blutsonntag“ diente Kanzler Franz von Papen zum Vorwand, die preußische Minderheitsregierung unter Ministerpräsident Carl O. Braun (SPD) abzusetzen. Eine bereits Tage zuvor von Reichspräsident Paul von Hindenburg unterzeichnete Notverordnung übertrug am 20. Juli 1932 von Papen zusätzlich das Amt des Reichskommissars für Preußen. Dieser „Preußenschlag“ verstieß zwar, wie der Staatsgerichtshof später urteilte, gegen die Verfassung, schuf aber vollendete Tatsachen: von Papen ersetzte Oberpräsident Heinrich Kürbis (SPD) durch den republikfeindlichen Deutschnationalen Dr. Heinrich Thon, die Polizeipräsidenten von Altona und Kiel mussten gehen. Im Oktober 1932 ersetzte der Deutschnationale Anton Wallroth den republikanisch gesinnten Regierungspräsidenten Waldemar Abegg.

Straßengewalt, Weltwirtschaftskrise, Not bei den einen, Ängste bei anderen, ein hilfloser Staat, düstere Stimmung und Perspektiven; all das bewog die Mehrheit der schleswig-holsteinischen Bevölkerung, eine Alternative zum „Weimarer System“ zu suchen: Während auf Reichsebene‚ „nur“ 37,3 % für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) stimmten, erreichte die Partei hier – und nur hier – bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 mit 51,1 % die absolute Mehrheit der Stimmen.

Diese Geschichte erscheint in folgenden Themen:
Revolution 1918-1920
NS-Herrschaft
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